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Schattenlicht

Teil 3

Im dritten und letzten Band der Schattenlicht-Trilogie von Matthias Bühler ist der Krieg vorbei, doch das Leben wird für die Menschen nicht unbedingt leichter. Der Hunger treibt die Stadtbewohner zu den Bauern aufs Land, da braucht es schon Charakter um sich nicht an der Not anderer zu bereichern. Und die Flüchtlinge, die oft nicht viel mehr als ihre Haut retten konnten, müssen auch untergebracht und versorgt werden.

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37 Kapitel

eine wahre Lebensgeschichte

Die Besatzungsmacht ist dabei oft keine große Hilfe. Sie entnazifizieren nach einem sehr ungleichmäßigen Raster, das viele kleine Fische erfasst, so manchen dicken aber entkommen lässt. Kein Wunder, dass viele Altnazis an den Schaltstellen der Gesellschaft bleiben, wohin sie die Nazi-Diktatur gespült hat.

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Deutsche Zeitgeschichte

Abitur & Krieg

Für Matthias Bühler verlangt diese Zeit einen Spagat zwischen der Landwirtschaft seiner Familie und dem Chemiestudium in München. Er bringt es nicht übers Herz, seine Eltern, die immer noch auf die Rückkehr des vermissten Hoferben hoffen, mit der Landwirtschaft hängen zu lassen, auch wenn er dafür bei seiner dominierenden Mutter weder Unterstützung noch Dank erntet.

Kapitelübersichten

Ernüchternder Empfang für den Kriegsheimkehrer

Es war die erste Juniwoche des Jahres 1945. Ich kam mir vor wie eine Rauchschwalbe, die gegen alle Witterungseinflüsse im Mai zurückkommt und im Kuhstall ihr altes Nest wieder in Besitz nimmt. Alt bedeutete Geborgenheit im Nest der Kindheit. Alt bedeutete eingebunden in das ländliche Leben, in dem es keine Feinde gab, in dem Mensch und Tier friedlich nebeneinander lebten. Mein Vater nahm mich in die Arme wie ein Kleinod: „Mutter, einer ist wenigstens wieder zurückgekehrt!“ Meine Mutter hatte für meine Verfassung kein Gefühl. Unbeirrt legte sie los: „Der Georg ist Weihnachten 1944 gefallen, der Martin ist im August 1944 vermisst; meine besten Buben!“ Mir stockte der Atem bei diesen Hiobsbotschaften; mir rutschte das Herz in die Hosen: Was war ich doch für meine Mutter ein ungeliebter Fremdling, dessen Rückkehr für sie ohne Bedeutung war!

Was der Krieg in einer Familie anrichtete

Nach diesem Ausflug in die Nachbarschaft, nun zurück zu meiner Familie. Georg hatte die Hölle des Krieges als Gebirgsjäger bis zum bitteren Ende durchgestanden. Ich war im Raum Budapest, er war am Plattensee. Ich wurde bei Stuhlweißenburg verwundet, ihn hatte es einige Monate zuvor am Plattensee erwischt. Er hatte einen Oberschenkeldurchschuss erhalten, eine harmlose Verletzung. Zu seinem Freund, der ihn mit zurück hinter die Front brachte, sagte er: „Endlich ein Heimatschuss, für mich ist der Krieg zu Ende!“ In einem Planwagen wurde er zum Abtransport ins Lazarett zurückgefahren. Ein feindlicher Tiefflieger feuerte eine MG-Garbe auf das Planwägelchen. Georg war sofort tot. Er wurde in Nemeswit in Ungarn begraben.

Verkehrsrowdy mit zwei Pferdestärken

Wir spannten gemeinsam die Pferde an die Mähmaschine. Mein Vater vergaß es nie, das Gespann mit Weihwasser zu besprengen. Im Galopp ging es ab ins nachtdunkle Ried. Die scheppernden Eisenräder kümmerten sich nicht um die Romantik des ländlichen Idylls. Meine zwei „Haflinger“ machten ihrer Pferderasse volle Ehre. Sie waren unverwüstlich, sie gingen durch jede Sumpfwiese, selbst wenn sie bis zum Bauch einsanken. Auch wenn ich sie durch einen Graben oder über eine steile Böschung lenkte, sie gehorchten. Mein Vater tat natürlich das seine. Er fütterte diesen zwei Pferden den gesamten Hafer unserer Ernte. Das machte die Pferde spritzig und temperamentvoll. Wenn sie von nachts drei Uhr bis vormittags neun Uhr die schwere Mähmaschine zogen, hatte ich oft mit Ihnen Mitleid. Ich stellte sie an der Wiese zum Fressen ab. Ich nahm ihnen die Trense aus dem Maul, damit sie ungehindert fressen konnten. Der kleinste Vogelschwarm oder sonst eine erschreckende Bewegung scheuchte, trotz ihrer enormen Arbeitsleistung, diese Bündel von Temperament auf und wie Wildlinge rasten sie durchs Ried. Damit wurden wir drei "Wildlinge" zum Schrecken des Dorfes.

Eine junge Liebe zerschellt an den Klassenunterschieden

In meiner ganzen Studentenzeit hatte ich nur einmal ein Studentenfest besucht. Dazu war ich im Winter ein ganzes Wochenende in München geblieben. Es hatte sich gelohnt. Erst da gingen mir die Augen auf, wie schön man das Privatleben in München gestalten konnte. In dieser fröhlichen Gesellschaft begegnete ich einem Mädchen, in das ich mich Hals über Kopf verliebte. Es folgte eine rauschende Ballnacht, die den harten Alltag vergessen ließ. Erst gegen Morgengrauen brachte ich meine Partnerin heim nach Bogenhausen. Wir vereinbarten, dass ich sie am Sonntagnachmittag abholen und mich ihren Eltern vorstellen würde. Es war nicht gerade meine Idee gewesen, aber was tat man nicht alles aus Zuneigung. Schließlich musste ich einsehen, dass gut erzogene Mädchen ihren Eltern zeigen, mit wem sie ausgehen. Gesagt, getan, ich konnte den Zeitpunkt kaum abwarten, denn das erste Mal in einer feinen Gesellschaft, das würde neue Impulse geben.

Eine vernünftige Ehe muss keine Vernunftehe sein

Maria war die geborene Geschäftsfrau. Sie managte alles, ob Verkauf, Büro oder Vertreter-Besprechungen. Für mich ein richtiger Goldengel, und dennoch immer bescheiden, rücksichtsvoll und selbstlos. Ihr stets fröhliches Wesen färbte auf alle ab. Obwohl sie um Jahre älter war und nicht gerade meiner Traumvorstellung entsprach, erwog ich ernsthaft sie zu heiraten. Mit 35 Jahren war ich über die Zeit der Schwärmerei hinweg. Stattdessen bekamen nüchterne, praktische Überlegungen für einen derartigen Entschluss den Vorrang. Dankbarkeit und Geborgenheit waren wohl die wichtigsten Argumente für meinen Entschluss. Ohne Feierlichkeiten, ohne großes Tam-Tam wurde geheiratet. Das Dorf war von dieser Neuigkeit schockiert. Mein Freund Rupert Rost traute uns in der Basilika in Ottobeuren. Neben den Trauzeugen nur die Eltern; ansonsten gähnende Leere in diesem großen Raum. Das Einzige, was recht üppig ausfiel, war das Essen im Ratskeller in Ottobeuren. Davon schwärmte Rupert Rost noch viele Jahre darnach.

Als Wissenschaftler an die Universität Hamburg

In meiner selbständigen Praxis war es nur immer um Geld, um Gewinn gegangen. Trotzdem hatte ich meinen Kontakt zur Wissenschaft nie verloren. Ich pflegte mit allen fischbiologischen Instituten enge Beziehungen. Mir fiel es nicht schwer in diesem Gebiet wissenschaftlich zu arbeiten. Nach langem Überlegen meldete ich mich bei Professor Sengbusch, dem Leiter des Max Planck-Instituts in Ahrensburg bei Hamburg zu einer Besprechung an. Ein international anerkannter Wissenschaftler, der sich auf dem Gebiet der Genetik einen großen Namen gemacht hatte. Die wohl bekannteste Neuzüchtung der Erdbeersorte Senga Sengana war sein größter Erfolg. Sein Institut wurde vornehmlich von Spenden der Großindustrie getragen; die staatliche Förderung war dagegen recht spärlich. So konnte er mit einem riesigen Aufwand Grundlagenforschung betreiben. er entwickelte neue Blumensorten (Gerbera,); er züchtete neue Pilzarten auf künstlichem Nährboden; eine umfangreiche Abteilung baute die Intensivhaltung von Karpfen auf und selektierte grätenarme Zuchtfische. Ihn interessierten meine fischbiologischen Pläne. Ich kannte nur seinen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeiten. Ich war fasziniert von seiner persönlichen Ausstrahlung.

Beispiele aus dem Buch

Im dritten und letzten Band der Schattenlicht-Trilogie von Matthias Bühler ist der Krieg vorbei, doch das Leben wird für die Menschen nicht unbedingt leichter. Der Hunger treibt die Stadtbewohner zu den Bauern aufs Land, da braucht es schon Charakter um sich nicht an der Not anderer zu bereichern. Und die Flüchtlinge, die oft nicht viel mehr als ihre Haut retten konnten, müssen auch untergebracht und versorgt werden…

Ernüchternder Empfang für den Kriegsheimkehrer

Es war die erste Juniwoche des Jahres 1945. Ich kam mir vor wie eine Rauchschwalbe, die gegen alle Witterungseinflüsse im Mai zurückkommt und im Kuhstall ihr altes Nest wieder in Besitz nimmt. Alt bedeutete Geborgenheit im Nest der Kindheit. Alt bedeutete eingebunden in das ländliche Leben, in dem es keine Feinde gab, in dem Mensch und Tier friedlich nebeneinander lebten. Mein Vater nahm mich in die Arme wie ein Kleinod: „Mutter, einer ist wenigstens wieder zurückgekehrt!“ Meine Mutter hatte für meine Verfassung kein Gefühl. Unbeirrt legte sie los: „Der Georg ist Weihnachten 1944 gefallen, der Martin ist im August 1944 vermisst; meine besten Buben!“ Mir stockte der Atem bei diesen Hiobsbotschaften; mir rutschte das Herz in die Hosen: Was war ich doch für meine Mutter ein ungeliebter Fremdling, dessen Rückkehr für sie ohne Bedeutung war!

Meine Mutter hatte keine Ahnung, kein Gefühl dafür, dass auch ich mich mit allen Fasern ans Leben klammerte, dass auch ich mein heimatliches Nest wie ein Heiligtum betrachtete. Ich merkte förmlich, wie meine Mutter mit dem Schicksal haderte, wie sie immer wieder betonte: „Meine besten Buben sind im Krieg geblieben.“ Für sie war ich „Luft“. Ich spürte, dass meine Mutter sagen wollte: „Herr, du hast mir meine beiden Söhne genommen, warum schickst du mir ausgerechnet meinen dritten zurück, den hättest du auch behalten können.“

Ich ging zu meiner Lieblingsschwester Hedwig, die ein kleines Bauerngehöft in der Nachbarschaft bewirtschaftete. Ihr Mann war schwerverletzt vom Krieg zurückgekommen. Er hatte einen Oberschenkel-Durchschuss davongetragen, die Nerven seines Beines waren abgetrennt, er hatte im rechten Bein kein Gefühl. Wenn er abends von der Feldarbeit zurück kam, hingen  die Fetzen von seinem Fuß, ohne dass er es bemerkte.

Er brauchte für einen Fuß einen Orthopädischen Schuh. Wie oft ging ich zum Versorgungsamt nach Augsburg um neue Schuhe zu beantragen. Wie ein Parasit wurde ich dort von einem jungen Arzt abgespeist: Was will den der schon wieder mit neuen Schuhen, der soll seine Schuhe schonen, wir können doch nicht alle Jahre neue Schuhe verschreiben! Dabei musste mein Schwager ja einen Schuh ohnehin bezahlen. Ich zeigte den abgetragenen Schuh vor, darauf entgegnete mir der junge Schnösel: „Kann denn der Versehrte nicht besser aufpassen, damit die Schuhe nicht innerhalb eines Jahres kaputt gehen?“

So wurden Schwerversehrte in der Nachkriegszeit behandelt. Diese rüden Beleidigungen eines ehemaligen Frontsoldaten dauerte mehr als fünfzehn Jahre, bis mein Schwager das Zeitliche segnete. Gab es mehr Brutalität als diese Unverschämtheit, die sich die Versorgungstelle Augsburg leistete? Obwohl ich selbst nicht direkt betroffen war; empfand ich es als erschütternd, wie der Bayerische Staat – sprich die Nachfolger des Deutschen Reiches – sich gegen die Versehrten des Zweiten Weltkriegs benahmen; das ging auf keine Kuhhaut! Ich persönlich hätte nicht einen kleinen Finger geopfert für das, was die Erben der Nazis für einen ganzen Fuß „großzügig“ bereitstellten. War das der Dank des Vaterlandes, Kriegskrüppel mit einem „Butterbrot“ abzuspeisen?

Verkehrsrowdy mit zwei Pferdestärken

Wir spannten gemeinsam die Pferde an die Mähmaschine. Mein Vater vergaß es nie, das Gespann mit Weihwasser zu besprengen. Im Galopp ging es ab ins nachtdunkle Ried. Die scheppernden Eisenräder kümmerten sich nicht um die Romantik des ländlichen Idylls. Meine zwei „Haflinger“ machten ihrer Pferderasse volle Ehre. Sie waren unverwüstlich, sie gingen durch jede Sumpfwiese, selbst wenn sie bis zum Bauch einsanken. Auch wenn ich sie durch einen Graben oder über eine steile Böschung lenkte, sie gehorchten. Mein Vater tat natürlich das seine. Er fütterte diesen zwei Pferden den gesamten Hafer unserer Ernte. Das machte die Pferde spritzig und temperamentvoll. Wenn sie von nachts drei Uhr bis vormittags neun Uhr die schwere Mähmaschine zogen, hatte ich oft mit Ihnen Mitleid. Ich stellte sie an der Wiese zum Fressen ab. Ich nahm ihnen die Trense aus dem Maul, damit sie ungehindert fressen konnten. Der kleinste Vogelschwarm oder sonst eine erschreckende Bewegung scheuchte, trotz ihrer enormen Arbeitsleistung, diese Bündel von Temperament auf und wie Wildlinge rasten sie durchs Ried. Damit wurden wir drei “Wildlinge” zum Schrecken des Dorfes.

Einmal holte ich auf dem Feld den Rotkleesamen. Meine Mutter hatte den ganzen Wagen mit Tüchern ausgelegt, damit von dem feinkörnigen Samen wirklich nichts verloren ging. Es war keine hoch getürmte Wagenladung, sondern nur die Leitern mit dem Kleestroh gefüllt. An einem Hohlweg war durch zwei sich begegnende hoch beladene Heuwagen der Weg versperrt. Ich lenkte mein Gefährt einfach eine steile Böschung hoch und nach der Verkehrsblockade wieder die Böschung herunter. Ich merkte gar nicht, dass unten an er Böschung ein mit Gras überwucherter Graben verlief. An diesem verborgenen Graben stürzten die Pferde, der Wagen ging entzwei. Mit dem Vorderteil scheuchten die erschreckten Pferde den Hohlweg entlang, verhedderten sich an dem Heuwagen und kippten ihn um. Fünf Kinder saßen darauf, sie kamen mit dem Schrecken davon. Ich fing die Pferde ein.

Alle Bauern in der Nähe halfen mir, den Kleesamen von der steinigen Straße zu sammeln. Dass natürlich viel Verlust an Samen und dafür faustgroße Kieselsteine mit in die Kleekolben gelangten, war nicht zu vermeiden. Meine Mutter jammerte: „Wo bist du denn so lange, wir müssen den Kleesamen doch noch durch die Dreschmaschine lassen. Ich schwieg mich aus. Das Kleestroh wurde behutsam in die Dreschmaschine gelassen. Dort trennen Walzen den Samen vom Stroh. Ich konnte nicht vermeiden, dass zwischendurch diese faustgroßen Kieselsteine mit in die Walzen kamen. Mit donnerndem Krach blockierten die Walzen. Meine Mutter war ratlos: „Auf diesem guten Acker haben wir doch alle Steine abgelesen, wie ist es möglich, dass solche Steine mit in unseren Kleesamen gekommen sind!“ Nach zwei Stunden war die Drescharbeit erledigt. Meine Mutter entsetzte sich darüber, wie schlecht in diesem Jahr die Ausbeute der Kleeernte war. „Da müssen wir ja im nächsten Jahr die Hälfte unseres Samens dazukaufen, das kostet Geld.“ Mein gutmütiger Vater besänftigte sie: „Mutter, nicht jedes Jahr ist gleich. Heuer heißt es eben: Viel Steine gab’s und wenig Brot.“ Ich war froh, die Panne doch unbemerkt gemeistert zu haben. Mir war es ja auch nicht Recht, dass auf dem Hohlweg nach Memmenhausen der größte Teil der Kleesamen liegen geblieben war. Die Angelegenheit war vergessen.

Nach einigen Wochen kam der geschädigte Bauer mit einer Reparaturrechnung: Eine neue Deichsel, ein neues Rad und sonstiges – Endsumme 121,50 Mark. Meine Mutter fiel aus allen Wolken: „Warum soll ich das bezahlen?“ Der Heesbauer klärte sie über den Vorfall auf. Obwohl alles so glimpflich verlaufen war, gab es Gewitterstimmung im Haus. Mein Vater beruhigte meine Mutter: „Sei froh, dass nicht mehr passiert ist!“ Doch meine Mutter war untröstlich. Sie konnte nicht akzeptieren, dass wo gehobelt wird auch Späne fallen. Nur wer nichts arbeitet, dem kann auch nichts passieren! Bezogen auf die Arbeitsleistung, die wir drei Wildlinge leisteten, kam der Schaden einem Trinkgeld gleich.

Eine vernünftige Ehe muss keine Vernunftehe sein

Maria war die geborene Geschäftsfrau. Sie managte alles, ob Verkauf, Büro oder Vertreter-Besprechungen. Für mich ein richtiger Goldengel, und dennoch immer bescheiden, rücksichtsvoll und selbstlos. Ihr stets fröhliches Wesen färbte auf alle ab. Obwohl sie um Jahre älter war und nicht gerade meiner Traumvorstellung entsprach, erwog ich ernsthaft sie zu heiraten. Mit 35 Jahren war ich über die Zeit der Schwärmerei hinweg. Stattdessen bekamen nüchterne, praktische Überlegungen für einen derartigen Entschluss den Vorrang. Dankbarkeit und Geborgenheit waren wohl die wichtigsten Argumente für meinen Entschluss. Ohne Feierlichkeiten, ohne großes Tam-Tam wurde geheiratet. Das Dorf war von dieser Neuigkeit schockiert. Mein Freund Rupert Rost traute uns in der Basilika in Ottobeuren. Neben den Trauzeugen nur die Eltern; ansonsten gähnende Leere in diesem großen Raum. Das Einzige, was recht üppig ausfiel, war das Essen im Ratskeller in Ottobeuren. Davon schwärmte Rupert Rost noch viele Jahre darnach.

Meine Mutter nahm es als unabänderliche Tatsache hin, sie hätte viel lieber eine angesehene Bauerntochter mit Vermögen als Schwiegertochter gehabt. So kam es auch, dass weder Geschenke noch Gratulationen eintrafen. Das Klima war reserviert, frostig. Es kamen sich zwei Familien näher, die so grundverschieden waren und innerhalb des Dorfes miteinander keinen Kontakt hatten. Und trotzdem, beide wurden matriarchalisch geführt. Meine Mutter hatte nur innerhalb des Hauses ihre dominierende Rolle. Anders war es bei meinen Schwiegereltern, da spielte sich das Leben außerhalb des Hauses ab.

Mein Schwiegervater, ein friedlicher und ruhiger Mann flüchtete in die Dorfwirtschaft und betäubte sich mit Alkohol, wenn ihm daheim der Aufenthalt vergällt wurde. Meine Schwiegermutter suchte sich dann in der Nachbarschaft Partnerinnen für ihre Fehden aus. Da kam es nicht selten zu Handgreiflichkeiten, die sogar vor Gericht endeten. Ein Ereignis, das im Dorf schon sehr selten vorkam. Doch ich übersah die Vorgeschichte großzügig, zumal ich mit meiner Frau schon seit Jahren zusammenarbeitete. Sie hatte sich in der ganzen Zeit weder herrisch noch rechthaberisch benommen, warum sollte sich dies je ändern?

So gab es weder geschäftlich noch privat eine große Umstellung. Ich war versorgt und für meine Frau war es mit ihren 39 Jahren sicherlich die letzte Heiratschance vor Torschluss. Damit war beiden geholfen. Der ganze Hochzeitstag verlief für mich ohne innere Erregung. Weder die Zeremonie selbst, noch das herrliche Orgelspiel brachten mich in Stimmung. Für mich war es wie eine geschäftlich notwendige Handlung. Gegen Abend fuhren wir heimwärts. Wir beide saßen im Auto des Herrn Pfarrers. Entgegen seiner sonstigen Gesprächigkeit war er auf der ganzen Strecke von etwa sechzig Kilometern schweigsam; er wusste, dass man Jungvermählte nicht stören sollte.

Meine Frau hielt mich fest wie den einzigen Rettungsanker. Für sie war der ganze Tag eine Brandung von Gefühlswallungen. Ich schloss meine Augen und täuschte Müdigkeit vor, obwohl ich hellwach war. Sachlich nüchtern überdachte ich meine Situation. Rupert Rost, ansonsten sparsam bis geizig, hatte sich spendabel und vor allem als exzellenter Gesellschafter gezeigt. Den ganzen Tag hatte er die neu entstandene Verwandtschaft mit seinem tiefgründigen Humor unterhalten. Er schenkte mir ein Gebetbuch, stellte seinen Personenwagen zur Verfügung, bezahlte Organisten und Kirchenbenutzung. Auch auf seine Gebühren verzichtete er mit der hämischen Bemerkung: „Wenn du auch nichts zahlen musst, ich hoffe, dass die Ehe trotzdem hält!“ Normalerweise zahlten die Eltern das Hochzeitsmahl. Meine Schwiegereltern waren Sozialhilfeempfänger. Als mein Vater zu meiner Mutter – die daheim immer Zahlmeister war – sagte: „Mutter, begleich die Rechnung!“, er-widerte sie schlagfertig: „Mei, Vater, der Mattheis ist reicher als wir, das zahlt er schon selber! Wohlwollend huschte ein gequältes Lächeln über ihr Gesicht. Ich schwieg, gehorchte und zahlte.

Wie ich so vor mich hin sinnierte, ließ ich den Prunk all dieser Bauernhochzeiten an mir vorüberziehen, die ich seit meiner Ministrantenzeit erlebt hatte. Da hatte das ganze Dorf in überschwänglichem Übermut volle zwei Tage gefeiert. Die Eltern überschlugen sich an Fürsorge. Sie richteten dem jungen Paar eine neue Wohnung mit den teuersten Möbeln ein, die Braut bekam Aussteuer für die ganze Generation einer Großfamilie. Als Heiratsgut gab es einen finanziellen Grundstock von Tausenden von Mark, bei mir gab es nur Fehlanzeige. Auch bei der Hochzeit meiner Schwester Ottilie hatte sich mein Mutter an Fürsorge überschlagen. Sie hatte ihr ganzes Vermögen mit all ihren Ersparnissen gegeben, nur um dem Schwiegersohn zu imponieren, der Sohn eines Großbauern war. Geld kam immer wieder zu Geld. So hatten die Habsburger mühelos ihr Kaiserreich zusammengeheiratet. Die Bauernsöhne der Nachkriegszeit suchten sich keine Braut sondern einen passenden Hof und nahmen die Erbin als notwendiges Übel mit in Kauf. Mir kam ein altes Bauern-Sprichwort in den Sinn: „Was man erheiratet braucht man nicht erarbeiten!“ Eine merkantile Ader ist auch bei der Partnerwahl nicht zu verachten!

Leider hatte ich mir von diesen Weisheiten nichts zu eigen gemacht. Und so zogen wir in der Ziegelei in eine Dachkammer ein, bis mein neuerbautes Haus bezugsfertig war. Es gab weder Flitterwochen noch Heiratsurlaub. Der nächste Tag war ein Geschäftstag wie jeder andere. So unbeirrt wie ich mein entbehrungsreiches Studium absolvierte hatte, so intensiv widmete ich mich jetzt dem Geschäft. Alles was ich durch meine landwirtschaftliche Arbeit und durch mein Studium versäumt hatte, wollte ich jetzt nachholen. Da gab es kein Privatleben, keine Erholung. Das Geschäft war Beruf, Hobby und Freizeitgestaltung. Man musste es auch als vielseitige Beschäftigung sehen und nicht als erzwungenes, sondern als freiwilliges Engagement betrachten. Das Studium der Fachliteratur, Neuentwicklungen und der Verkauf boten mir ein so weitgefächertes Aufgabengebiet, dass meine Tätigkeit nie eintönig war.

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Der Autor

facebook-og-bildMartin Bühler wurde am 01.11.1973 in der kleinen schwäbischen Stadt Krumbach geboren.

Nach seiner Schulzeit studierte er Aquakultur und arbeitete mehrere Jahre in Italien und Spanien. Seit dem Jahr 2001 lebt er an der westlichen Küste Nordfrieslands,zwischen der Hafenstadt Husum und der Insel Sylt.

Im Jahr 2011 fing er erstmals an, offen über das Thema Samenspende und Kinderwunscherfüllung zu sprechen und zu schreiben. 2012 schrieb Martin Bühler sein erstes Werk”Der Samenspender Martin1973″, anfangs als Selbstverleger, später über den Miller Verlag. Danach folgten Ratgeber zur Kinderwunschthematik wie “Schwanger ohne Sex” und “Familienglück durch private Samenspende”.

Zum Thema Kinderwunsch durch Samenspende entstanden zahlreiche Beiträge, u. a. bei Stern TV (RTL), Mona Lisa (ZDF) und Planetopia (SAT1). Danach erfolgten Berichterstattungen des Axel Springer Verlages, u. a. in Bild der Frau und Bild.de.

Seine Begeisterung, bestehende Tabus in unserer Gesellschaft anzusprechen und öffentlich zu diskutieren, wuchs von Tag zu Tag. Mit seiner provozierenden Art öffentliche Diskussionen anzuregen, gefällt ihm und wurde zur Passion. Die Themen sind mittlerweile umfangreich und vielschichtig.

Sein Motto ist: Das Leben schreibt die interessantesten Geschichten.

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